Züge zur Zinkhütte - Die Güterzugstrecke von Stolberg (Rheinl. Hbf) nach Münsterbusch in den 70er Jahre


Die Strecke nach Münsterbusch war nur eine reine Güterzugstrecke, gerade mal rund 3,6 km lang und in wenig attraktiver Landschaft gelegen. Sie war eine typische Güterzugstrecke, wie es sie in den 70er Jahren bei der Deutschen Bundesbahn vielerorts gegeben hatte.
Dennoch lohnt sich ein Blick auf diese Strecke, denn ihr besonderes Kennzeichen war eine dem Endbahnhof Münsterbusch vorgelagerte Spitzkehre und ihre Entstehungsgeschichte reicht bis ins Jahr 1838 zurück. In diesem Jahr errichtete der belgische Industrielle James Cockerill bei der Ortschaft Münsterbusch die Heinrichshütte, die den Ausschlag für den Bau einer Eisenbahn nach Münsterbusch gab. Wegen der im Stolberger Raum seinerzeit vorhandenen ergiebigen Galmei(-erz-)- und Kohlevorkommen war die Lage dieser Zinkhütte so günstig, dass sich aus dieser Pioniertat der industriellen Revolution in Deutschland rasch ein prosperierendes Unternehmen entwickelte. In unmittelbarer Nachbarschaft der Hütte ließ Cockerill zusätzlich die "Jamesgrube" abteufen, die anfangs die Kohleversorgung der Heinrichshütte sicherte. Zudem hatte Cockerill bereits um 1830 von Aachen über Eilendorf nach Münsterbusch eine Steinstraße erbauen lassen - die Rheinische Eisenbahn sollte Stolberg erst 1841 erreichen.....

Die abseitige Lage des Rheinischen Bahnhofes blieb für die wachsende Stolberger Industrie eine unbefriedigende Situation und führte im Dezember 1867 zur Eröffnung einer rd. 1,4 km langen Anschlussbahn zur Spiegelmanufaktur, einer der größten Stolberger Glashütten. Bereits 1881, noch vor dem Bau der Zweigstrecke Stolberg - Walheim zur Vennbahn von Aachen über St. Vith nach Prüm, hatte sich daraus die 3,8 km lange, schon zweigleisig ausgebaute "Stolberger Talbahn" zum Endbahnhof Stolberg-Hammer entwickelt.

Die Bahnstrecke von Stolberg (Rheinl.) Hbf nach Münsterbusch wurde am 1. Juli 1887 von der Königlichen Direktion der Rheinischen Eisenbahn Gesellschaft Köln (linksrheinisch) als Zweigstrecke der "Stolberger Talbahn" erbaut. Sie zweigte nach etwa einem Bahnkilometer, nahe der Straße "Am Schnorrenfeld", von dieser Trasse ab.
Als die DB das zweite Streckengleis der Talbahnstrecke am 14. März 1961 außer Betrieb gesetzt hatte und anschließend rückbaute, beließ sie dieses zwischen Stolberg Hbf und der Abzweigstelle und band die Münsterbuscher Strecke nach Ausbau der Abzweigweiche dort unmittelbar an. Fortan mündete die Strecke aus Münsterbusch unmittelbar in den Stolberger Hauptbahnhof ein. Das erst 1951 errichtete Stellwerk "Ss" wurde vorübergehend noch als Schrankenposten weitergenutzt, bis die umliegenden Bahnübergänge der Münsterbuscher Strecke auf Ortsbedienung umgebaut wurden.




Am 14. März 1975 verlässt 052 692 den Stolberger Hauptbahnhof und dampft schwungvoll nach Münsterbusch

 



Am 10. Januar 1975 fährt die von Münsterbusch zurückkehrende 051 729 in Stolberg Hbf ein





Gemeinsame Einfädelung der Stolberger Talbahn (links) und der Münsterbuscher Strecke (rechts) in den Stolberger Hbf




Die Abzweigung der Strecke nach Münsterbusch (rechts) von der Trasse der Stolberger Talbahn (links), aufgenommen am 20. Dezember 1979.

 

Die Strecke überwindet zwischen Stolberg Hbf und der Abzweigstelle zunächst einen Höhenunterschied von 10 m. Anschließend geht es beständig bergan. Auf dem weiteren, rd. 1,5 km langen Weg bis zur Spitzkehre in Münsterbusch sind rd. 35 m Höhenunterschied zu bewältigen, von der Spitzkehre bis zum Niveau des Bahnhofes Münsterbusch weitere rd. 10 - 15 m. Die Strecke enthält längere Abschnitte mit einer Steigung von 1:40.




 

Im Sommer 1974 kämpft 052 916 zwischen den Bahnübergängen Eisenbahnstraße und Spinnereistraße mit der Steigung.


Bild

Nahezu die gleiche Szene, aber aus anderer Perspektive zeigt dieses Foto vom 6. Februar 1975 mit der 051 789


Der Bahnhof Münsterbusch (obwohl er auf dem Gebiet der Stadt Stolberg liegt, trug er nie den Namensvorsatz "Stolberg-"), zeigt eine sehr interessante Bauform. Um zu dem als Kopfbahnhof angelegten Güterbahnhof zu gelangen, muss nämlich wegen des hier zu überwindenden Höhenunterschieds eine Spitzkehre durchfahren werden.
Der Bahnhof Münsterbusch verfügte in den 70er Jahren weder über Ein- oder Ausfahrsignale noch über eine Trapeztafel. Allerdings befanden sich unmittelbar vor dem Bahnhof und vom Bahnhof kommend vor der Spitzkehre zwei Gleissperren.
Am 5. November 1979, als die Strecke schon nicht mehr befahren wurde, entstanden diese Motive der Spitzkehre:
 


 

 

 

Die bergwärts fahrenden Züge wurden regelmäßig von der Spitzkehre in den Bahnhof gedrückt, weil die Lok dann für die anschließenden Rangierarbeiten gleich die richtige Position hatte. Am 13. Februar 1974 hielt ich diese Situation mit der Lok 050 806 im Bild fest:


 

Auf der Rückfahrt zog die Lok den Zug zunächst vom Bahnhof Münsterbusch zur Spitzkehre, um ihn dort für die Weiterfahrt nach Stolberg Hbf zu umfahren. Auch diesen Ablauf fotografierte ich am 13. Februar 1974 mit 050 806.

 


 

Zwischen der Spitzkehre und dem Kopfbahnhof zweigten zwei Gleisanschlüsse ab. Der nördlich liegende Gleisanschluss, der ursprünglich zur Gaserzeugungsanstalt der Zinkhütte führte, wurde in den 70er Jahren als Anschlussgleis der Schrotthandelsfirma "Thomas" genutzt.

 



Am 9. April 1975 konnte ich hier die 051 729 beobachten.

Das zweite Anschlussgleis führte zu verschiedenen Nebenbetrieben, die südlich des Bahnhofs Münsterbusch lagen. Um 1974 war es allerdings schon stillgelegt und nur noch bruchstückhaft vorhanden. Diese Aufnahme aus dem Jahre 1931 zeigt den Bahnhof Münsterbusch und den Verlauf dieses südlichen Anschlussgleises in voller Blüte.

 



 

Zusätzlich befanden sich am östlichen Bahnhofsende, als Verlängerung der Bahnhofsanlage, zwei weitere Anschlussgleise der Heinrichshütte.
Zwischen dem Stellwerk "Sm" des Stolberger Hauptbahnhofes und dem Einfahrsignal, nahe beim Bahnübergang Münsterbachstraße, lag ein weiterer Gleisanschluss (ebenfalls Schrotthandelsfirma "Thomas KG"). Ferner gab es bis Juni 1975 etwa beim Streckenkilometer 1,6 den Gleisanschluss der "Aktienspinnerei Aachen" (ASA).

Die Zinkerzeugung in der Heinrichshütte endete im März 1967 mit der Stilllegung der Reduktionsanlage. Wurde die Strecke nach Münsterbusch, die hauptsächlich als "Anschlussbahn" der Zinkhütte für den Erz- und Brennstofftransport diente, bis dahin noch von mindestens 3 Zugpaaren täglich befahren, so ging der Verkehr anschließend deutlich zurück. Gleichwohl bestand der Güterbahnhof Münsterbusch fort. Das Frachtaufkommen kam nun überwiegend von der zwischenzeitlich nördlich des Bahnhofsgeländes angesiedelten Schrotthandelsfirma "Thomas KG", bis diese Ende 1976 / Anfang 1977 verlagert wurde. Bis dahin verkehrte von montags bis freitags regelmäßig ein Güterzugpaar, das nahezu täglich mehrere leere E-Waggons zuführte und beladene abholte.



Am 12. Februar 1974 war 051 791 auf der Münsterbuscher Strecke im Einsatz

 

Am 7. Mai 1975 rangierte 052 549 im Bahnhof Münsterbusch

 

Wenige Tage später, am 26. Mai 1975, konnte ich 050 164 vor dem Gebäude des Güterbahnhofs beim Rangieren fotografieren

 

Auf diesem Motiv vom 7. Mai 1975 haben die Stolberger Eisenbahner mit ihrer 052 549 alle Rangierarbeiten erledigt und rüsten sich für die Rückfahrt, die an der Spitzkehre aber noch einmal unterbrochen werden muss.




Bisher sind mir noch keine Fahrpläne oder Fotos bekannt geworden, die belegen, dass auf dieser Strecke jemals regelmäßiger Personenverkehr stattgefunden hat. Als Gelegenheitsverkehr gab es aber u.a. Pilgerfahrten von Münsterbusch nach Kevelaer, die mit Schienenbussen (VT 95) gefahren wurden. Der letzte Sonder-/Reisezug soll am 12. Juli 1972 vom Bahnhof Münsterbusch abgefahren sein.

Anhand von Bildern aus den 60er Jahren kann man annehmen, dass die Züge auf dieser Strecke zumeist von Loks der BR 94.5 (pr. T 16.1) befördert wurden. Nach deren Einsatzende folgten bis Mitte Juni 1975 Dampfloks der BR 50. In der Schlussphase kamen Dieselloks der BR 290 und 260/261 zum Einsatz.

 

Den nur kurzzeitigen Diesellokeinsatz habe ich u.a. mit 290 223 fotografieren können, die hier am 16. Juni 1975 auf der Rückfahrt nach Stolberg Hbf gerade den mit Posten zu sichernden Bahnübergang Spinnereistraße passiert hat.




Am 30. November 1976 herrschte "usseliges" Wetter, als 260 608 mit einem Güterzug aus Münsterbusch auf der Strecke unterwegs war.



Gegen Ende 1977 kam der Güterverkehr zum Erliegen. Die offizielle Stilllegung folgte zum 1. September 1980.

Im Januar 1982 begann der Abbau. Am 2. Februar 1982 wurden die Gleise des Bahnhofs herausgerissen. Beim Streckenabbau wurden die letzten Züge mit den Loks 332 109 und 290 252 gefahren.

 



Auf dem oben gezeigten Bild, etwa bei den mittleren beiden der vier "Stäbe" links vom Andreaskreuz liegt das Empfangsgebäude des Stolberger Hauptbahnhofs



Nach dem Rückbau zeigte sich das Bahnhofsgelände am 06. März 1982 noch in diesem Zustand:






Heute ist im Wortsinne Gras über diesen Bahnhof gewachsen.
Zwischen den Bahnübergängen Eisenbahnstraße und (untere) Heinrichstraße ist die Strecke als Fuß- und Radweg ausgebaut.


Für die Straßenbahnfreunde sei noch ergänzt, dass die ASEAG-Straßenbahnlinie 22 (Eilendorf - Atsch Dreieck - Eschweiler Pumpe / + 6.10.1969) beim Bahnübergang Münsterbachstraße und die ASEAG-Straßenbahnlinie 8 (Oberstolberg-Markt - Atsch Dreieck - Stolberg Hbf / + 5.10.1959) beim Bahnübergang Eisenbahnstraße die Münsterbuscher Strecke niveaugleich kreuzten. Da diese jedoch weit vor meiner Zeit verschwunden sind, habe ich dazu kein Bildmaterial.


Roland Keller