Zickige Lok und Heizer
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ein Erlebnisbericht zur Sonderfahrt mit der 56 3007 anlässlich des Dampflokabschiedsfestes in Stolberg
von Gert Hohenwarter

 

1976

Meine Dampflokzeit neigte sich dem Ende zu, ebenso wie die der DB.

Schon seit vier Jahren war ich dabei, E-technik in Braunschweig zu studieren.

Und für Dampfloks gabs da keinen Platz.

Disziplin war hier angebracht.

Das einzige Zugeständnis waren häufige Ausflüge zum Schwimmbad.

Das lag nähmlich an der Einfahrt zum Güterbahnhof, und so manche 50er hatte mit der dortigen Steigung schwer zu tun.

 Aber noch einmal würde alles anders werde. 

Noch einmal ein Bw in voller Atmosphäre, wenn zwar nicht gerade normaler Betrieb, so doch viel Aktivität.  Und noch einmal würde ich die Schaufel schwingen.

 Stolberg.

 Jetzt sollte sich für mich die Gelegenheit ergeben, die 56 3007 mal ganz aus der Nähe kennenzulernen.  Mein Vater hatte sich nämlich von mir davon überzeugen laßen, den Kauf der Lok zu finanzieren.  Ich hatte mich nämlich von .... überzeugen laßen, meinen Vater zu überzeugen, den Kauf zu.....usw. usf.   Jedenfalls nahm sie jetzt beim Dampfabschied in Stolberg teil.

Als ich sie beim EBV, Zeche Carl-Alexander, zum ersten Mal gesehen hatte, fiel sie mir gleich auf.

Ein markantes, unverwechselbares Erscheinungsbild, keine Windleitbleche, zwei Pfeifen.

Kraftvoll. Bullig.

So ganz anders als der Einheitssalat.

Interessant.

Natürlich verlangte mein Studium, daß ich mich auf die Theorie und Hintergründe der E-technik fokussierte.

Daher war ich auch nicht mehr so fit wie 1972 in Aschaffenburg, wo mir das Heizen beigebracht worden war.

Es war mir dann auch nicht so ganz wohl bei dieser Angelegenheit. 

Aber gemacht werden mußte es ja doch!

Die Details der Reise nach Stolberg und des Aufenthaltes dort sind längst im Nebel der Geschichte unscharf geworden.  Nur einige wenige markante Anhaltspunkte sind geblieben.

 

Zum Beispiel die erste wirklich nähere Begegnung mit der 56 3007:

In der ersten Nacht nach meiner Ankuft fand ich mich für das Wasser und Feuer im Bauch zweier in Stolberg anwesenden Museumsbahnloks verantwortlich: Die Südzucker Susi (98 727) und die 56 3007.

Bei der 98 war das ganz einfach - abends richtig herrichten, alles klar.

Die war recht dicht.

So ist es zumindest in Erinnerung.

Die 56 hingegen produzierte jede Menge kleine Dampffähnchen.

Ein Saüseln an der Pfeife, etwas Gemurmel an der Luftpumpe, ein sanftes Zischen vom Hilfsbläser.

Wasser und Dampf blubberte von den beiden Injektoren.

Schön anzuschauen.

Weniger schön vom Standpunkt des Wasserspiegels im Kessel.

Denn all die Undichtigkeiten würden zum schnellem Absinken des Wasserstands führen.

Mir war schon klar, daß ich heute Nacht nicht schlafen würde.

Außerdem gabs in der Übernachtung ohnehin nicht genug Platz.

Also was bleibt als auf der 56 zu sitzen und versuchen ein paar Momente Schlaf zu bewerkstelligen.

Die Ruhefeuer für die beiden Loks waren hergerichtet und die Kessel voll Wasser.

Mein Schlafbedürfnis wuchs mit vorschreitender Stunde.

Irgendwie war es aber leider nicht möglich eine halbwegs bequeme Schlafstellung zu finden.

So erschien der Sandmann dann auch erst später.

Leider guckte er aber nur 'mal kurz um die Ecke.

So um zwei Uhr morgens war dann aber doch alles schön still.

Ein sanfter Halbschlaf hatte mich eingelullt.

Das gefiel der 56 anscheinend nicht.

"Pppppschschschschschschschschschschschschschschscsch!!!!!!!!"

Ein explosionsartiger Knall und lautes Gezische füllt das Führerhaus.

So ganz nebenbei füllt es sich auch noch mit Dampf. 

Weiterhin füllt sich mein auf Hochtouren arbeitendes Herz mit Terror.

Wir sprechen mal hier nicht über die Hosen.......

Schnell wurde klar, daß sich das linke Wasserstandsglas verabschiedet hatte.

Fängt ja gut an.

Miserabler Bock.

Der Rest der Nacht wurde natürlich nicht mehr geschlafen, auch nicht halb.

Das große Ereignis kommt näher.

Es war die Sonderfahrt nach Jülich und von da auf die Jülicher Kreisbahn.

Von Stolberg aus ging's erst 'mal ok.

Die 56 hatte natürlich keine Schwierigkeiten mit nur ein paar Personenwagen am Haken. Sie war ja ganz andere Lasten gewohnt.

Bei der Zeche Carl-Alexander hatte sie jahrelang schwere Übergabezüge fahren müssen.

Wie ich einmal gesehen hatte, verlangte das trotz Nachschub von einer Tenderlok erhebliche Anstrengung. 

Jetzt vor dem Sonderzug fiel mir allerdings auf, daß die Gute nicht so recht Dampf machen wollte.

Vielleicht war sie ja aus der Übung.

Oder ihr Heizer.

Oder beide.

Jedenfalls wollte das Manometer es nicht ganz zum Strich schaffen.

Vorerst spielte das allerdings (noch) keine wesentliche Rolle.

Von Jülich ging's auf die Jülicher Kreisbahn wo auch Fotohalte eingelegt wurden, wenn ich mich recht erinnere.  Dann rückwärts zurück nach Jülich.

Die Zeit wurde mittlerweile knapp und die Frage nach dem Wasserstand im Tender kam auf.

Genauer gesagt, wurde von unserem Lokführer gestellt.

Also 'raufgeklettert und 'reingeschaut.

Es sah etwa so aus als ob da noch etwa ein halber Meter Wasser über dem Tenderboden herumschwappte.  Vorsichtshalber fragte ich aber noch meinen sehr erfahrenen Mitstreiter (und dritten Mann auf der Lok) um seine Meinung.  Wir dachten beide, daß wir noch genug für die etwa 16 km zurück nach Stolberg hatten.

Also das Feuer beschickt und los gehts. 

Und dann legt die 56 wirklich los.

Allerdings nicht geschwindigkeitsmäßig, sondern zickenmäßig.

Erst fällt der Dampfdruck.  Trozt recht solidem Feuer fällt und fällt er.

Der Rost ist zu.  Schlackenbildung macht die Luftzufuhr schwierig.

Den Haken 'raus und im Feuer 'rumgestochert.

Hilft aber nicht viel.

Kein Problem.

Oder zumindest das kleinere Übel, denn kurz danach macht sich 'was anderes bemerkbar.

Etwas, das deutlich mehr Aufmerksamkeit verlangte:

Nach ein paar Kilometern will ich wieder etwas Wasser in den Kessel ziehen. 

Per Injektor, da die 56 keine Kolbenspeisepumpe hat.

Da zieht aber nix.

Sosehr ich den Injektor auch bitte, verfluche oder anderweits versuche zu überreden  Wasser in den Kessel zu befördern - der Erfolg bleibt mir verwehrt.  

Nur Dampf nach unten gibt's jede Menge.

Aus der Übung?

Also den Lokführer gefragt, den Injektor auf seiner Seite zu benutzen.

Da tat sich natürlich auch nichts.

Schließlich waren auf der rechten Seite sowohl der Injektor als auch der Lokführer aus der Übung.

Injektorbedienung hatte ja normalerweise kein Lokführer mehr in seinem Aufgabenbereich.

Und der Injektor auf der Seite hatte vorher schon Zicken gemacht.

War das Wasser alle?

War das Wasser zu warm?

Oder zog der Injektor einfach nicht mehr?

Vielleicht hatte die 56 ja einfach die Nase voll.

Nix mehr kraftvoll oder bullig.

Zickig.

Das Alles spielte keine Rolle.

Jetzt hieß es Wasser zu sparen. 

"Kurz fahren", redeten wir auf den Lokführer ein.

Als ob der das nicht selbst wusste.

Womit wir zur nächsten Zicke kommen:

Warum, wann und wie war schon damals unklar.

Jemand sagte, daß es wohl wegen der Gleislage auf der Jülicher Kreisbahn war.

Oder vielleicht auch wegen der kurzen Steuerung.

Jedenfalls kam ein unangenehmes Klopfen vom Fahrwerk.

Wie sich später herausstellte, hatte eines der Achslager einen Bruch entwickelt.

Naja, Geschwindigkeitsrekorde wurden jetzt eh' nicht mehr aufgestellt.

Also zuckelten wir nach Eschweiler, ein paar Kilometer vor Stolberg.

Da ging dann nichts mehr.

Wasser war im Glas inzwischen extrem selten zu sehen, am niedrigsten Hahn war allerdings noch was indiziert.  Dies schien den Lokführer zu beruhigen, denn mein Vorschlag das Feuer rauszureissen fand keine Resonanz.

Also Lok vom Zug vorgezogen und auf die Feuerwehr gewartet.

Mit frischem Wasservorrat und höherem Wasserstand ging's dann nach Stolberg.

Natürlich mit jetzt erheblicher Verspätung.

Sorry.

Zickige Lok und Heizer.

Heute hat die 56 3007 Windleitbleche, eine ihrer zwei Pfeifen fehlt, und sie fährt nicht mehr.

Geschieht ihr recht.....